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Aus dem Geschichtenkorb

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Renate Sattler

Neues aus dem Geschichtenkorb

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Aus dem Geschichtenkorb

 

Den Geschichtenkorb habe ich mir von den Tuscarora geliehen. Im Jahr 2000 war meine Familie zu Gast bei den Irokesen. In seiner winzigen Hütte entfaltete ein Tascurora das Universum seines Volkes. Zu diesem gehört der Geschichtenkorb der Ahnen.

Ich sollte hinein greifen, in den auf traditionelle Weise hergestellten Bastkorb mit reicher Verzierung. „Jedes Stück darin erzählt eine Geschichte. Derjenige, der die Kette erhascht, muss die Geschichte vom Universum erzählen. Das Universum ist ein Langhaus. Wir glauben, dass alles miteinander verbunden ist“, sagt er und zieht einen uralten Zahn heraus, den ihm ein Inuit vor langer Zeit geschenkt hat. Der Zahn erzählt eine Inuitgeschichte. In ein Mammutzahnstück ist ein Mammut geritzt...“ Er erzählt von Großmutter Mond und dem älteren Bruder Sonne. Dann nimmt er eine Baumrindenrassel und singt das Lied zum Rauchtanz, dessen Schritte er in seiner Küche macht. Danach sagt er: „Wir danken allem. Wir danken der Erde, wenn wir ernten, danken für das Tier, das wir essen. Wir dankten auch den Franzosen, als sie kamen...”

Er nimmt die Schildkrötenrassel von der Wand und singt den Frauentanz.

 

Nun greifen Sie in meinen Geschichtenkorb, der Weidenblätter vom Ufer der Elbe ebenso wie Feuersteine der Ostseestrände, die Schildkröte aus Perlen, die mir Kassenaha:way „Die den Dingen Namen gibt“ auf der Mohawk-Reservation in Kahnawake schenkte, dem Rindenkanu aus den Laurentian Mountains in Kanada und Steine aus Armenien, Kiesel aus den Alpen, von der Karawanenstraße auf Zypern, Lava von den Liparischen Inseln enthält ...

 

Sonate in h-Moll

 

Im Hofgarten von Bayreuth fallen mir Kastanien vor die Füße. Enten streiten sich am Teich um hingeworfene Krümel. Der alte Mann nimmt von ihnen keine Notiz. Sein schwarzer Umhang um den schmalen Körper wallt über die Bank. Das weiße Haar, vom Wind von den Schultern gezaust, ist ein lichter Punkt zwischen den Brauntönen der Bäume. Als ich näher komme, erkenne ich die Warze auf der Stirn und die dünne Linie der Lippen. Ich frage, ob ich Platz nehmen darf. Er nickt und scheint auf einen Himmelsfleck zwischen den Wipfeln zu blicken, als sähe er dort eine Welt, die nur für ihn sichtbar ist.

"Ersinnen Sie ein Melodram oder eine Rhapsodie?", frage ich. Meinen Zweifel, ob er es ist, für den ich ihn halte, schicke ich in die Fußspitzen.

"Nein, ich dichte keine Melodien mehr. Meine Zeit war das neunzehnte Jahrhundert. Nur manchmal sitze ich hier ..."

"Sie haben Töne in den Himmel geworfen, die noch heute klingen. Sie wurden gefeiert und haben für Schönheit und Harmonie leben können."

"Das habe ich genossen. Doch nicht alles in meinem Leben war Glanz. Ich hätte Marie d'Agoult die Kinder nicht wegnehmen dürfen. Wenn ich das rückgängig machen könnte... Aber wem ich erzähle ich das? Ich habe Sie noch nicht einmal nach Ihrem Namen gefragt."

"Verzeihen Sie, dass ich mich nicht vorgestellt habe. Nennen Sie mich einfach Anna. Ihre Ideen sind durch meine Kindheit geklungen. Komponieren kann ich leider nicht. Ich schreibe."

"Was schreiben Sie?"

"Gedichte, Poeme, Erzählungen."

"Worüber?"

"Über meine Wurzeln an der Elbe, die Sehnsucht, dieses Land zu verlassen und es nicht mehr zu können. Wenn ich jung wär', würd' ich ein Jahr nach Paris gehen und in Kanada am St.-Lorenz-Strom schreiben."

"In Kanada wäre ich auch gern gewesen... Woher kommen Sie?"

"Aus Magdeburg."

"Magdeburg, sagt mir etwas aus weiter Ferne ... Paris kann ich aus dem Gedächtnis abrufen. Da hab ich mich in Marie verliebt. In Genf war ich glücklich mit ihr. Die Alpen haben mich inspiriert. Das klare Wasser der Bäche und die Bewegungen der Fische darin haben mir Töne geschenkt. Venedig, Rom, da kommen Bilder zurück, ein bisschen vergilbt, aber noch nicht gänzlich verblasst. Aber Magdeburg? Doch jetzt, wo Sie es sagen, fällt der Jahrhundertstaub von meinem Gedächtnis. Vage sehe ich die Kathedrale am Fluss vor mir. Es war das Musikfest an der Elbe 1856. Ich war als Gast gekommen, doch dann wurde der Dirigent krank und ich bin eingesprungen. Über zwanzig Jahre später bin ich wieder in Ihre Stadt gekommen. In den Dom. Tausende Kerzen erhellten das Kirchenschiff. Ich sehe noch die Ordenssterne auf Bismarcks Uniform funkeln.

Ich habe die Bergsinfonie dirigiert, die erste von meinen Sinfonischen Dichtungen.

Spät noch, nach dem Konzert, sind wir in ein Weinlokal gegangen. Es war in der breiten Straße vor dem Dom. Ein Eckhaus. Gibt es das noch?

"Der Dom spiegelt sich noch immer im Wasser des Stroms. Auf dem Breiten Weg gibt es wieder viele Lokale. Aber sie sind neu. Das, woran Sie sich erinnern wird der Feuersturm der Bombennacht verschlungen haben. Ich nehme an, Sie haben vom Zweiten Weltkrieg und der Teilung des Landes nichts gehört."

Liszt nickt.

"Auch sonst ist alles anders", setze ich fort.

"Neulich bin ich an dem Laden vorbeigegangen, der bis vor ein paar Jahren die größte Buchhandlung der Stadt gewesen war. Es zerriss mich von den Augen bis zum Magen, als ich im Schaufenster Schuhe sah. Früher war ich an diesem Fenster nie vorbeigekommen, ohne nach neuen Titeln zu suchen. Aus diesem Laden trug ich mein erstes vom Lehrlingsgeld bezahltes Buch. Ein anderes Mal bekam ich Hemingways Wem die Stunde schlägt unter dem Ladentisch. Und jetzt - ist aus dem Fenster in die Welt ein Schuhfenster geworden. Nie haben Schuhe mich so weit getragen wie mich Bücher trugen.

Sicher haben Sie hier, an diesem stillen Ort, nichts von Montagsdemonstrationen im Herbst neunundachtzig mitbekommen."

"Wie sollte ich?"

"Wir wollten Freiheit und sind von einer Stunde zur anderen in eine Welt gefallen, in der Zahlen diktieren und die Noten nur als Banknoten kennt. Kulturhäuser wurden in Möbelhäuser verwandelt. Spielcasinos kamen auf und Bücher in den Müll."

"Meine Noten auch?"

"Das weiß ich nicht. Ich habe Bücher in der Tonne gefunden. Bibliotheken haben ihre Bestände für Pfennige verramscht. Ihre Noten kann man nicht vernichten. Von einer Koreanerin habe ich neulich die h-Moll-Sonate gehört. Biografien wurden über Sie geschrieben und Ihre Werke werden noch zu einem guten Preis gehandelt."

"Gott sei Dank. Aber es geht nicht um mein Werk. Bücher waren mir Freunde. Hoffmann von Fallersleben verkehrte in meinem Haus. Christian Hebbel gehörte zu meinem Kreis in Weimar. Wissen Sie, dass auch ich geschrieben habe? Wenn ich nur hätte Lieder dichten können!"

"Und ich habe mir Komponieren gewünscht, die eigene Vertonung meiner Gedichte. Es gibt kein Gedicht, keinen Satz ohne Rhythmus. Also schwingt in der Literatur auch die Musik. Ich habe versucht das Klavierspiel zu lernen und weiß wie schwer es ist. Meine Großmutter hat Sie verehrt. Sie kaufte mir ein Klavier, als ich acht Jahre alt war, hängte Ihr Foto darüber und wünschte sich, eines Tages von mir Ihre Rhapsodien zu hören. Ich schlug mich mit Etüden herum."

"Von Carl Czerny?"

"Ja."

"Ich hab seine Etüden mit Freude gespielt. Sie haben sich gequält?"

"Sehr. Mir fehlt das Geschick in den Fingern. Malen kann ich ebenfalls nicht. Das habe ich probiert. Doch sind es nur Prinzessinnen geworden, weil man unter dem Kleid die Beine nicht sieht. Ich gehe in einem Gewand aus Worten umher. Aus Worten forme ich Menschen und Bäume, Ziegel für eine Hütte und Schmetterlinge."

"Eben das ist die Kunst, die ich nie so gut beherrscht habe wie die Musik. Ich bin in Allegros umhergegangen, in Scherzi und Terzen ... Jedes Gras hat einen Klang, jeder Brunnen.

Sie sind zum Dichten begabt. Mich hat die Dichtung inspiriert. Byron, Heine, Herder, Petrarca. Ihre Gedichte habe ich in Klänge verwandelt. Meine Partituren sind Metamor-phosen meiner Empfindungen, poetische Ideen und philosophische Texte. Von Dantes Göttlicher Komödie habe ich mich bewegen lassen, eine Sinfonie zu schreiben. Meine Werke sind Dichtungen in einer anderen Sprache. Meine Intention war es, eine Instrumentalmusik zu erschaffen, die die Weite der Weltliteratur atmet.

Nun, liebe Anna, Sie haben das Klavierspiel ausprobieren können. Zu meiner Zeit war das nicht jedem Kind möglich. Ich wollte, dass jedes sein Talent entfalten kann.

Stellen Sie sich vor, alle Menschen würden musizieren, komponieren, dichten oder malen. Niemand hätte Zeit, Krieg zu führen. Die Energie, die Grausames hervorbringen kann, würde sich umkehren in Schöpfertum. Angesichts dessen, dass unser Leben nur ein Vorspiel zum Tod ist, wäre dies nicht die Erfüllung unseres Seins?"

"Vielleicht. Ein schöner Gedanke, aber die Fürsten, die Ihnen Beifall zollten, haben Bauernsöhne in die Schlacht bei Custozza geschickt."

"Es war wohl ein Traum, dass Kunst Frieden schaffen könnte und jeder frei in seiner Meinung sei. Doch ist die Kunst Ausdruck der Seele. Und einzig in der Kunst habe ich mich frei gefühlt. Ich glaube, dass jeder eine Form finden muss, um sich seiner selbst bewusst zu werden. Ich habe mich dafür eingesetzt, dass Kunst als politische Kraft anerkannt wird, weil sie den Menschen bildet."

"Ein großartiges Ziel. Leider sieht es jetzt aus, als würden die Künste den Styx hinunter schwimmen. Es ist so weit gekommen, dass Theater Sparten schließen müssen. Selbst dem Gewandhaus werden die Mittel gekürzt."

Liszt, der bis dahin geradeaus geschaut hatte, wendet mir sein Gesicht zu. "Das Gewandhaus in Leipzig", flüstert er.

"Ja."

"Unglaublich. Wenn ich könnte, würde ich sofort ein Konzert geben. Doch das Gold meiner Finger ist versiegt."

"Es würde das Problem nicht lösen. Ich fürchte, Ihr Vermächtnis für die Stellung der Künstler wird gerade aufgelöst. Bald werden sie uns wie die Enten mit Krümeln abspeisen."

Liszt blickt zwischen die Ritzen der Bank und schweigt eine Weile, ehe er sagt:

"Kommen Sie ins Haus, Anna. Ich spiele für Sie die Sonate in h-Moll."

"Ihr bedeutendstes Werk für Klavier?"

"Vielleicht. Das bewerten die anderen. Ich habe sie in Weimar geschrieben und Robert Schumann gewidmet. Es war die Zeit, in der ich begriff, dass alles vergeht und alles aufbrechen kann."