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Vita 

 

Renate Sattler

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Das Muschelgewand  

 

Leseprobe

 

Der Leuchtturm

Der Mond ist ein schräges Himmelsauge, das mit dem Mann wandert, der im Blasentang sucht. Nach einer Weile findet er einen Sonnenstein, besieht ihn sich unter der Taschenlampe, reibt ihn an der Lederjacke blank und steckt ihn zum versteinerten Seeigel. Hier und da bückt er sich, wenn etwas nach Donnerkeil oder Bernstein aussieht, bevor er zum Hochufer aufsteigt und die Bank ansteuert. Von dort aus beobachtet er Kormorane, Prachttaucher und manchmal das Seeadlerpaar. Hafenbilder von Aberdeen, Havanna und Maputo, Pinguine und Packeis ziehen an ihm vorbei. Vieles hatte Fietje Strahlow von der Welt gesehen. Nur Amerika liegt noch im Nebel.

Kater Lu kommt von der Jagd und springt auf die Bank. Schwarz ist er bis auf die Pfoten. Die legt er Fietje auf den Schoß, krallt in die Hose und kneift die Augen zu. Er genießt es, wenn Fietje ihm gegen den Strich durch das Fell fährt. Sie sitzen noch so da, als die bewaldeten Berge das Morgenrot schlucken und von der Sonne einen ersten matten Schein durchlassen. In der Ferne erblickt Fietje Segel, ahnt den Rumpf eines Bootes mit einem Drachen am Bug. Durchsichtig wie ein Geist gleitet es dahin. Was mag es bedeuten, fragt Fietje sich und versucht, das Wafelbild zu verscheuchen. Doch es ist wieder da, wenn er den Blick auf die See richtet. Das Murmeln der Wellen, die Muscheln und Steine ans Ufer bringen, geht in sein Blut über.

Das Rauschen war sein Wiegenlied, als er in dieses Haus hineingeboren wurde, das sein Großvater neben den Leuchtturm gebaut hatte. Ein Leben ohne den Grünen Sand kann er sich nicht vorstellen. Sein Vater war der letzte Leuchtfeuerwärter gewesen, bis die Lampen ferngesteuert wurden. Als Heranwachsender hatte Fietje sie oft geputzt. Lieber hätte er Seevögel beobachtet, doch der Vater ließ nie locker. Fietje kennt jede der siebenundneunzig Stufen, ihr Knarksen und Stöhnen. Besonders genoss er den Blick von der Galerie über die See, die Lagune, Felder, Heide und Wald, wenn die Kraniche kamen. Von ihren Balztänzen konnte er nicht genug bekommen. Er kennt die Inselchen im Sumpf, auf denen sie brüten. Sein Traum ist es, im Turm ein Naturzentrum einzurichten.

In seine Vision versunken, bemerkt er das Paar auf dem Uferweg erst, als der Mann ihn anspricht: „Kann man den Turm besteigen?“

Fietje sieht von schwarzen Schuhen hinauf an der Hose aus dunklem Blau, über die Wölbung unter dem Wollmantel, zum Doppelkinn und in helle Augen. Sie liegen unter rötlichen Brauen. Das nach vorn gekämmte Haar ist rotblond. Neben dem Fremden steht eine etwa zehn Jahre jüngere Frau in heller Wildlederjacke. Der Wind zaust ihr das Haar ins Gesicht. Fietje empfängt den Duft nach Amber. „Der ist zu“, antwortet er.

„Schade, von dort oben muss man einen herrlichen Ausblick haben.“

„Man hatte. Bei klarer Sicht konnte man sehen, was die auf Bornholm kochen“, sagt Fietje und sieht sich in der Lotsenstube auf dem grünen Sofa beim Vater sitzen.

„Gibt es niemanden, der den Schlüssel hat?“, bohrt der Fremde weiter.

Fietje beguckt den Mann argwöhnisch und verengt die grauen Augen zu Schlitzen. Wat will der feine Pinkel hier? Noch dazu in aller Frühe.

„Warum ist er geschlossen? Er wäre doch eine Attraktion“, lässt der Fremde nicht locker.

„Die Treppe ist baufällig.“

Das Paar geht um den Turm herum und wendet sich in Richtung Gottesgnade.

„Na, alter Kumpel, wat wird aus dir? Was meinste zu den beiden? Seltsam, zu dieser Jahreszeit und mitten in der Woche. Die sehn nich aus, als wollten se bloß mal von dir runter kieken.“ An Lu gewandt, murmelt er in seinen Walrossbart: „Was will der dicke Vogel mit so ’ner mageren Wachtel? Stimmts, Lu, wir mögen was Runderes.“ Der Kater schnurrt und blinzelt, als stimme er zu. „Ach, Lu, dass ich nicht mehr zur See fahren kann … Komm, wir gehen rein. Du kriegst erst mal Milch.“

 

Der Einbaum

Über der Bucht geht der Samstagabend in die Dämmerung über. Junikäfer schwirren umher. Von der Bank aus kann Maline zur Seebrücke mit dem Restaurant blicken. Die Sonne taucht die vier Türme in goldenes Licht. Wie ein weißes Schloss hebt es sich vom Blau des Meeres und vom hohen Himmel ab. Maline sieht die Hausigers auf dem Steg. Er im Smoking, sie im Abendkleid mit Hut wie eine lila Fliederblüte. Die Quargs weihen den Leuchtturm ein. Sie haben das Restaurant für die Party gemietet.

Maline geht ins Haus. Im Wohnzimmer zieht sie die dunklen Vorhänge zu und verkriecht sich im Ohrensessel. Von der Party will sie nichts hören und liest.

Zur Mitternacht steigt das Feuerwerk über der See auf, die wie ein riesiger Onyx zwischen Küsten liegt. Wären nicht die Sterne wie Goldpunkte gesät, würde die See im Nachthimmel ihr Ebenbild finden. Das sanfte Gurgeln des Meeres am Strand wird vom Geknatter des Feuerwerks übertönt, und die Sterne bekommen Konkurrenz in allen Farben. Vor Malines Augen beginnen die Buchstaben zu tanzen. Selbst durch die Vorhänge dringen grüne und rote Blitze. Maline linst an der Seite des Vorhangs nach draußen.

Da sieht sie ein seltsames Boot auf die Bucht zusegeln. Dann steigt ein Mann aus und zieht das Gefährt auf den Sand. Der Schein grüner Funken beleuchtet den Streifen schwarzen Haars im Kranz aus vier Hörnern. Das rote Feuer der aufsteigenden Rakete macht Kreise auf den Wangen sichtbar. Der Fremde trägt einen dunklen Umhang mit weißen Punkten.

Wo will der denn hin? Hastig geht sie ins Zimmer, löscht das Licht und beobachtet hinter der Gardine, wie er geradewegs den Pfad zum Haus nimmt. Dann schließt sie die Fensterläden, dreht den Schlüssel in der Haustür zweimal um, hängt die Kette ein und geht ins Wohnzimmer zurück.

Jetzt schicken sie mir den Mörder. Ihr Herz pocht, als wolle es die Brust sprengen. Ihre Knie werden wie Butter im Sommer. Hab ich ein Gespenst gesehen? Es klingelt. Sie überlegt, ob sie den Sessel gegen die Tür stellen und sich im Schrank verstecken soll. Angst kriecht ihr in die Haare und setzt Schweißperlen auf der Stirn ab. Klingeln Mörder? Jetzt klopft es zweimal. Maline verharrt in Starre, wartet und ist erleichtert, als sich die Schritte entfernen. …

 

Verlag Edition AV

ISBN: 9 783868 412512

18,00 €

Der Roman wurde gefördert von der Stiftung Literatur - begründet von Dieter Lattmann -

www.stiftung-literatur.de.