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Renate Sattler

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Rezensionen zu "Feuer und Polarlicht"

 

Christina Seidel

 

In einem weiten Bogen spannen und verbinden die 17 Erzählungen Menschen über Ozeane hinweg von der Antike bis zur Gegenwart. Dazu war umfangreiche Recherche nötig, genaues Beobachten und Zuhören, auch politisches Engagement.

 

Renate Sattler liebt die poetische Sprache und beherrscht sie. „Aus Worten forme ich Menschen und Bäume, Ziegel für eine Hütte und Schmetterlinge.“ Bereits als Jugendliche schrieb sie Gedichte. Diese Liebe zur Lyrik ist auch in ihren Texten zu spüren, die reich an Metaphern und bildhaften Landschaftsbeschreibungen sind, so dass Lesen zum Genuss wird. Sie erzählt aus der Distanz und als Ichperson. Der Leser gelangt ohne lange Einleitung mitten ins Geschehen. So in der ersten Geschichte, die von einem Freskenmaler handelt, der selbstvergessen in seiner Arbeit an einem Tempel in Pompeji dem Ausbruch des Vesuvs keine Beachtung schenkt. Vermutlich sieht und hört auch die Autorin während ihres Schreibens nicht, was um sie herum passiert. Aber außerhalb des Schreibens streitet und kämpft sie als Vorsitzende des VS Sachsen-Anhalt für die Belange der Schriftsteller. So gibt sie in ihrer zweiten Erzählung, einem fiktiven Gespräch mit dem Komponisten Liszt, ihrer Sorge Ausdruck, dass Künstler in Zukunft wie „Enten mit Krümeln“ abgespeist werden könnten. Überhaupt erfährt man in dieser Erzählung sehr viel auch von ihr selbst, von ihren Wünschen, ihren Sorgen. Als Anna aus Magdeburg trifft sie Liszt im Hofgarten in Bayreuth. Liszt war zum Musikfest 1856 an der Elbe. Nur als Gast, dann musste er einspringen für den erkrankten Dirigenten. 20 Jahre später war er noch einmal in Magdeburg im Dom, hatte die Bergsymphonie dirigiert. Er erkundigt sich bei Anna, ob das Weinlokal vor dem Dom noch existiert. Anna erzählt vom Zweiten Weltkrieg und der Teilung des Landes, auch von der Wiedervereinigung. Sie berichtet, dass die Buchhandlung, in der sie ihr erstes vom Lehrlingsgeld bezahltes Buch nach Hause trug, jetzt ein Schuhladen ist. „Nie haben Schuhe mich soweit getragen wie mich Bücher trugen.“

 

Liszt bittet Anna sich vorzustellen, „alle Menschen würden musizieren, komponieren, dichten oder malen. Niemand hätte Zeit Krieg zu führen. Die Energie, die Grausames hervorbringen kann, würde sich umkehren in Schöpfertum. ... Es war wohl ein Traum, dass Kunst Frieden schaffen könnte und jeder frei in seiner Meinung wäre. Doch ist die Kunst Ausdruck der Seele und einzig in der Kunst habe ich mich frei gefühlt. Ich glaube, dass jeder eine Form finden muss, um sich seiner selbst bewusst zu werden. Ich habe mich dafür eingesetzt, dass Kunst als politische Kraft anerkannt wird, weil sie den Menschen bildet.“ Sie lässt Liszt sagen, was sie selber wünscht, aber auch daran zweifelt oder verzweifelt. „Ein großartiges Ziel. Leider sieht es jetzt so aus, als würden die Künste den Styx hinunterschwimmen. Es ist so weit gekommen, dass Theater Sparten schließen müssen. Selbst dem Gewandhaus werden die Mittel gekürzt.“

 

Sie erzählt ihm auch von ihrer Sehnsucht das Land zu verlassen. „Wenn ich jung wär, würde ich ein Jahr nach Paris gehen und in Kanada am Sankt Lorenz Strom schreiben.“

 

Vorerst nimmt sie den Leser mit auf eine Reise durch den Huy, einen Höhenzug im nördlichen Harzvorland, mit enttäuschenden und erstaunlichen Beobachtungen, die Erinnerungen wecken, aber auch mit Genugtuung erfüllen, diese Reise für sich und den Leser erlebt zu haben.

 

Sie kann zuhören und lernt als Koordinatorin des Arbeitskreises Vierte Welt interessante Menschen kennen, denn die letzten fünf Erzählungen basieren auf Begegnungen mit Repräsentanten indigener Völker im kanadischen Bundesstaat Saskatchewan und dem indonesisch besetzten Westpapua.

 

Fast unfassbar und erschreckend ist „Im Kreis des Polarlichts“ von einem Säugling die Rede, der nach der Geburt nicht schreit, weil er ohne Mund geboren wurde. Totgeburten und Anomalien, auch bei Karibus, sind in Saskatchewan keine Seltenheit. Im nördlichen Kanada befindet sich eines der größten Uranbergbaugebiete der Welt. Eine brandaktuelle Geschichte, denn für die Zwischenlagerung der hochradioaktiven Abfälle sowie nach einem Endlager wird auch in Deutschland gesucht. 

 

Ebenso betroffen machen die Geschichten, die von den Gräueltaten der indonesischen Armee erzählen, die sogar vor Papuamädchen nicht Halt machen. Sie erniedrigen sie auf eine beängstigende Art und Weise, bezeichnen sie als „Affen“, die „zu doof für unsere Sprache sind.“ Dabei hatte Großmutter Selfiana den Kindern gerade von Manamarkeri, dem Gründer ihres Volkes, erzählt. Er trägt das Geheimnis des Morgensterns in sich, wird aber von den Menschen nicht erkannt. „Deshalb fuhr er eines Tages mit dem Boot westwärts auf die Südsee hinaus. Seitdem warten die Menschen auf seine Wiederkehr.“

(veröffentlicht in "Ort der Augen", Literaturzeitschrift des Landes Sachsen-Anhalt)

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Feuer und Polarlicht

Was macht ein Buch besonders angesichts der Flut von Gedrucktem, die ungehemmt über uns hereinbricht? Es muss sich abheben von Gewohntem, eine Wirkung erzeugen, die der Leser so nicht erwartet. Der Magdeburger Autorin Renate Sattler ist mit „Feuer und Polarlicht“ solch ein Wurf gelungen. Das schmale Bändchen umfasst zwar nur etwas mehr als 100 Seiten, ist aber ein Spiegel unserer Realität, die vom Platz vor der Kaufhalle gleich um die Ecke bis zu den unendlichen Weiten Kanadas und in den Regenwald Neuguineas reicht. 

Es geschehen ungeheuerliche Dinge in diesen Erzählungen, die teils die Unerbittlichkeit und Brutalität des Lebens zeigen, die manchmal aber auch so leise und unterschwellig drohend daherkommen, dass man ihre Alltäglichkeit spürt und dann erschrickt. Wie in der Geschichte „Das Spalier“: Eine alte Frau, vom Leben geläutert, aber einst als Kind dem „Führer“ verfallen, trifft vor dem „Netto“-Markt auf junge Menschen, die nicht zu den Gewinnern dieser Gesellschaft zählen, noch keinen Platz im Leben gefunden haben. Ein junger Mann kommt hinzu, erhebt die Hand zum Gruß. „Die alte Frau tut, als sehe sie ihn nicht und spricht weiter“, schreibt Renate Sattler und lässt sie vom Krieg erzählen, den sie durchleben musste. Es gibt keine Gewinner in dieser Geschichte. Die Figuren werden nicht geläutert, aber im Leser kommt etwas in Bewegung.

Die Autorin wagt etwas, das eigentlich selbstverständlich sein sollte und das man als epische Gerechtigkeit bezeichnet: Fast immer gibt es einen Anlass, weshalb ihre Figuren in die Abgründe menschlichen Handelns gezogen werden, zum Beispiel, als eine Mutter ohne ihren Sohn die DDR verlässt oder eine türkische Professorin sagt: „Die Kurden lügen, weil sie in Deutschland besser leben wollen.“ Und selbst der Angehörige einer indonesischen Todesschwadron hat ein – zumindest für ihn nachvollziehbares – Motiv für sein Handeln. Der Leser lernt verstehen, ohne dabei Verständnis zu entwickeln.

Die Autorin bietet Welterfahrung, welcher sich der Leser anvertrauen kann, wenn sie ihn nach Kanada, Mexiko oder die indonesische Provinz Papua mitnimmt. Was sie uns dort zeigt, das ist weitab von dem, was Reisebüros oder gewöhnliche Fernsehdokumentationen zu bieten haben. Man wird sie nur schwer oder gar nicht los, diese Bilder von dem Neugeborenen, das nicht schreien kann, weil es keinen Mund hat; oder die Schilderung, wie Maria und ihr Freund Yuslin, zwei junge Papuas, sich vor Soldaten ausziehen und entwürdigen lassen müssen.

Die Autorin hat diese Dinge nicht erfunden. Lange Zeit arbeitete sie mit Organisationen indigener Völker Nordamerikas und dem indonesisch besetzten Westpapua zusammen. Sie gründete den Arbeitskreis „Vierte Welt“ und war Mitgründerin des Westpapua-Netzwerkes. Vor allem wurden ihre Geschichten aus den Begegnungen mit den Betroffenen gespeist, von denen einige Freunde wurden. Mit diesem Wissen zieht sie auch Hintergründe fern ihrer Heimat Sachsen-Anhalt ins Licht: Den Abbau von Uran im Land der Diné, Cree, Ojibwa und Metis in Kanada mit allen damit verbundenen Gefahren für die Ureinwohner oder die Ausrottung der Papua-Völker für Gold, Kupfer, Palmöl und Tropenholz. Dies sind nur zwei Beispiele. Und überall lässt sich ein Geflecht erahnen, das auch bis nach Deutschland führt. Zum Beispiel, wenn wir uns neue Möbel für den Garten kaufen.

Hat man alle Geschichten dieses Buches gelesen, dann wird man unweigerlich auf die erste zurückkommen: In dieser ignorieren Einwohner von Pompeji das „Grollen des Berges“ und andere Anzeichen des herannahenden Unglücks. Es geht ihnen um den weiteren Ausbau des schönen Lebens. Wer in dieser Situation warnt, der läuft Gefahr, sich ins Abseits zu stellen.

So wird Literatur gemacht!

114 S., HC 18,00 €, Broschur, 12,00 €

 

Peter Hoffmann

 

(veröffentlicht in Zeitungen Sachsen-Anhalts)