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Renate Sattler

Neues aus dem Geschichtenkorb

News from the basket of stories

 

Kanadischer Sommer

- Zu Gast bei Irokesen und Delaware –

ist mehr als das literarische Tagebuch einer Reise an den St.-Lorenz-Strom, in die Wildnis der Laurentian Mountains, zu den Niagarafällen und in die Appalachen.

Vor dem Hintergrund einer langjährigen Zusammenarbeit der Autorin mit indigenenVölkern und ihren Organisationen, aus der zu einigen Mohawk in Kahnawake und der Direktorin der „Lenni Lenape Historical Society“ in Allentown Freundschaft wurde, reiste sie mit einer kleinen Gruppe des „Arbeitskreises Vierte Welt e. V.“ im Jahr 2000 nach Kanada und in die USA.

Renate Sattler gibt einen Einblick in die Geschichte, Lebensweise und Gegenwart der Six Nations vor allem am Beispiel der Mohawk. Besonders geht sie auf das Demokratiesystem und die herausragende Rolle der Frau als politische Kraft ein. Ebenso stellt sie die Delaware vor, die in Pennsylvania offiziell nicht existieren, weil sie nicht auf einer Reservation leben. Authentisch wird dieses Buch vor allem, weil die Gastgeber selbst zu Wort kommen.

Gedichte und die Erzählung „Juliabend in Kanesatake“, der Sachteil zum Demokratiesystem der Irokesenliga sowie Ergänzungen zu Veränderungen seit dem Jahr 2000 und Fotos aus dem nordöstlichen Waldland Nordamerikas bereichern den Band.

 

Reisetagebuch, Erzählung, Sachtext,

148 S., s/w Fotos

Verlag Edition AV, Bodenburg, 2018

16,00 €

ISBN: 978-3-8684-1195-9

      

Leseprobe                                                                                                                                                                               Sonnabend, 22.7.

Two Eagles Mountain in Saint-Michel-des Saints in den Laurentian Mountains

 

Um 9.00 Uhr holt uns Patricia Eshkibok von Paulines Haus ab. Sie ist eine Ojibwa aus Manitoba. Mit ihrer gebogenen Nase und dem bis zu den Hüften gleitenden, schwarzen Haar sieht sie wie eine Indianerin aus, die George Catlin gemalt haben könnte. In Kahnawake regnet es, als wir abfahren, und wir hoffen, dass es bald aufhört. Patricia lotst uns über Montreal in Richtung Norden. Zweieinhalb Stunden fahren wir auf dem Highway 131 bis an dessen Ende an kleinen Ortschaften, weitgestreckten Feldern und Wäldern vorbei. An der Tankstelle in Saint-Felix-de-Valois hält sie und sagt: „Jetzt haben wir die Hälfte geschafft.“ Es ist der letzte Laden vor der Wildnis. Nach einer kurzen Pause geht es weiter bis zu einem Sumpf, der vielen Bäumen das Leben aussaugte. Wir verlassen den Highway und biegen auf eine schmalere Straße ab, die bergwärts führt, wo Bär und Adler wohnen. Diese Straße mit dem Namen St. Michel des Saints heißt auch noch so, als sie zu einer Piste aus roter Erde wird, die unsere Autos aufwirbeln, dass wir nur noch eine Staubwolke sehen.

Von der Piste zweigt ein Weg ab, an dem zu beiden Seiten ein Geländer steht, dessen Endpfosten in Adlern auslaufen. „Miss Turtle“ – so nennt Patricia ihren roten Wagen – hält vor einer hölzernen Mohawk-Familie. Der Mann trägt Lendenschurz und Mokassins. Über seiner Schulter hängt der Köcher. Seine Frau steht neben ihm im Lederkleid. Auf dem Rücken ruht ihr Baby in der Kindertrage. An der Gabelung müssten sie sich entscheiden, ob sie nach Montreal wollen oder in die Wildnis. Sie kommen aus der Zeit des Jägers und der Maisbäuerin und werden auf die Piste aus roter Erde blicken, bis aus ihr eine Straße geworden ist.

Auf der Veranda des Holzhauses erwartet uns Gilles Dorais, Sohn einer Mohawk und eines französischen Missionars. Stämmig und schätzungsweise einsneunzig ist er. Seine großen, dunkelbraunen Augen bannen mich, Augen, die hinter die Dinge und im Holz den Adler sehen. Meine schmale Hand verschwindet in seiner. Nachdem wir unsere Sachen abgestellt haben, laden uns Patricia und Gilles zu einem Spaziergang ein.

Hinter dem Haus steigen wir steil einen Pfad zwischen Steinen und Bäumen hinab. Ich halte mich am Stamm einer jungen Birke fest. Zuerst kommen wir an dem Tepee vorbei, das als erste Herberge während der Bauzeit des Hauses diente. Patricia sagt: „Vor fünf Jahren waren wir die einzigen hier.“ „Mit meinen Händen habe ich dieses Haus geschaffen“, ergänzt Gilles stolz. „Jetzt gibt es rechts und links Nachbarn. Neue Häuser sind im Bau.“ Wir hören die Säge. Gilles Schäferhündin begleitet uns. Sie nimmt ein Bad im reißenden Fluss. Wir gelangen an die Steilwand aus großen Felsbrocken, von denen wir die Aussicht auf die Stromschnellen genießen. Kanuten paddeln vorbei, von denen sich einer in dem Strudel dreht. Plötzlicher Regen zwingt uns zum Rückzug. Unter dem Dach der Veranda schauen wir dem Regen zu, atmen die reine Luft des Waldes ein und sehen den Nebel aus den Bergen steigen.

Ich schaue mir die Pfosten auf der Veranda an. In den linken ist der Kopf einer Frau, in den rechten der eines Mannes geschnitzt. Jeder von ihnen wird von einem Adler beschützt. Beinah wäre ich über einen Wolfskopf aus grauem Stein gestolpert. Nun sehe ich ihn mir genauer an und entdecke auf der anderen Seite die Schildkröte.

„Ich werde erst mal Feuer machen, an dem ihr euch aufwärmen könnt“, sagt Gilles. Wir schauen ihm beim Feuermachen zu. In mir steigt ein Bild aus der Kindheit auf: Großmutter kniet vor dem Ofen und bringt Holz mit Papier zum Brennen.

Wir treten in einen schmalen Korridor ein. Tiger kommt durch die Katzenklappe. Er ist ein großer schwarz-weißer Kater mit grünen Augen, der sich von mir streicheln lässt und mein Freund wird.

Schneeschuhe hängen an der Wand. Auf einem kleinen Tisch steht eine Elchschaufel, in die ein Wolf geschnitzt ist, der den Mond anheult. Wir kommen an einem großen Weißkopfseeadler vorbei, bei dem ich jede Feder im Holz spüren kann. Neben ihm sitzen zwei weiße Junge mit aufgesperrten Schnäbeln im Horst, der aus einer Baumwurzel besteht. Eine Arbeit, die ich immer wieder anschauen und berühren muss. Aus dem Geweih des Hirsches erhebt sich ein Adler. Auf dem Tisch duftet die Suppe, die Gilles aus den Gaben des Waldes zubereitet hat.

Beim Essen betrachte ich die Skulptur des Kriegers der Mohawk am Fenster. Er ist nackt bis auf den Lendenschurz. Über die Schulter hat er den Soldatenrock eines Franzosen geworfen. In der rechten Hand hält er den Tomahawk. Seine Augen sind mit blauen Kreisen untermalt. Die Feder steckt schräg in der Skalplocke. Mit Trauer in den Augen und heruntergezogenen Mundwinkeln kehrt er heim.

Offenbar hat er in einem der Kolonialkriege im 18. Jahrhundert auf der Seite der Engländer gekämpft und einen Feind getötet. Gilles hat in den Ausdruck seiner Augen und die leicht nach vorn gebeugte Haltung einen Menschen gezeigt, der trauert.

An der Wand hängt ein Coyotefell und an der anderen eine Mais-Strohmaske. Die Sofalehne verkriecht sich unter dem Fell eines weißen Wolfes. Weich fühlt es sich an. Der Pelz eines Grauwolfs bedeckt das Parkett. In den großen Fenstern stehen Grünpflanzen und Blumen. Die Fenster lassen die Landschaft des Berges und der Bäume herein. An einem Baumstamm versucht ein geschnitzter Bär, das Nest mit aufgeregten Jungvögeln ...

 

_______

Seeadlerin

Philomena Groddeck zieht aus Bremen auf eine Ostseeinsel, um ein Meeresaquarium zu eröffnen. Doch lange erfreut sie sich nicht an der Touristenattraktion, die gut angenommen wird. Jens Huykauf, Kopf der Familie, die die Insel beherrscht und der Hotels, Kaufhäuser und Land gehören, trachtet nach dem Gewinn und treibt wie schon andere Unternehmen, Philomena in den Bankrott. Als sie ihrem Widersacher im Kurpark der Heideklinik begegnet, kommt ihr eine Idee ... Mit ihrer Freundin schmiedet sie ein Komplott. Eine Sturmflut hilft ihnen, Spuren zu verwischen ...

 

         Kriminalerzählung, 100 Seiten, Verlag Tadeusz Serocki, 2017

         Herausgeberin: Malgorzata Ploszewska

         Preis: 8,90 €

         ISBN: 978-83-943602-8-3

 

        Nur noch wenige Exemplare bei der Autorin erhältlich.

 

Leseprobe 

Im Kurpark

Die Kilia schlängelt sich durch märkischen Sand. Moorbirken und Pappeln spiegeln sich in ihr. Wo sich der Bach mit der Elbe vereint, kreist der Seeadler. Nur die Baumreihen im Frühlingsgrün markieren im Hochwasser die Ufer der Kilia. Sonst ähnelt die Landschaft einem lang gestreckten See. Der Kiefernwald beginnt auf der Düne hinter dem Deich, wenn man den Kurpark verlässt.

Der Adler jagt eine Ente im Flug, und im Nu ist die Luft erfüllt von Geschnatter und scheint ein einziger Flügelschlag zu sein. Mitten im Schwarm, dann wieder am Rand: der Räuber.

Nach der letzten Behandlung am Nachmittag kommt Philomena Groddeck vom Kurparkwall auf den Deich. Ihr dichtes Haar, kurz und gebleicht, lässt sich vom Wind nur ein wenig bauschen. Mit dunklem Rot hat sie die eingefallenen Lippen geschminkt, den marineblauen Übergangsmantel über Pullover und Jeans gezogen. Eine Weile sieht sie dem Adler zu, wie er weite Kreise über dem Fluss zieht. Sein weißer Schwanz glänzt in der Sonne. Nun hält er auf die Blässrallen zu, die ein Stück entfernt in der Deckung der Weiden schwimmen. Wie ein Schatten gleitet er über sie hin, dann lässt er sich auf dem Wasser nieder, schwimmt über einer Ralle, steigt auf, lässt sich nieder. Als er ans Ufer fliegt, sieht Philomena den schwarzen Vogel in seinen Fängen.

Sie blickt dem Adler nach, bis er mit seiner Beute im Wald verschwindet. Nun kehrt sie auf den Wall mit spärlich bepflanzten Kiefern zum Kurpark zurück und zieht ihren eigenen Kreis. Aus dem Kurhaus kommt eine Gruppe von sieben, acht Leuten. Sie gehen am Thermalbad vorüber und ihr auf dem Weg unterhalb des Walls entgegen. Alle an Krücken. Voran die Therapeutin in schwarzer Trainingshose und dem orangen Shirt mit dem Aufdruck Heideklinik.

Wer ist denn der Mann neben Sieglinde? Kenne ich den? Ohne ihn aus dem Blickwinkel zu verlieren, schlendert Philomena weiter. Unauffällig zoomt sie ihn mit der Kamera heran. Ein kleiner Mann mit vollem Haar. Runde Brillengläser, schmale Nase und zusammen gekniffene Lippen. Er trägt eine braune Lederjacke. Am linken Mittelfinger funkelt beim Aufsetzen der Krücke der eingeschliffene Diamant im Opal. Sie drückt auf den Auslöser.

Die Aufmerksamkeit des Mannes ist auf die Therapeutin gerichtet, die rückwärts vor der Gruppe hergeht. Er muss sich auf jeden Schritt konzentrieren. Die rechte Hüfte schmerzt noch sehr. „In vier Wochen können Sie wieder tanzen“, scherzt die Therapeutin.

„Wenn ich nur erst wieder ohne Stützen laufen könnte“, klagt der Mann.

„Das werden Sie“, ermutigt ihn die junge Frau.

Philomena ist am Ende des Walls angekommen und nimmt einen der Wege zum alten Kurhaus mit den Kolonnaden auf der anderen Seite des Parks, bevor sie ihr Zimmer im dritten Stock des Neubaus aufsucht. In der Glashalle grüßt Philomena die Frau an der Rezeption, streift mit einem Blick das Café und zuletzt die Vitrine mit den Kollektionen aus der örtlichen Schreibgerätemanufaktur.

***

Im Zimmer zieht sie die Fotos auf den Laptop und sieht sich das Bild mit der Gangschule an. Er ist es. Der Ring bestärkt ihre Sicherheit.

Beim Abendessen erzählt Sieglinde, die Lehrerin aus Perlenberge: „Bei der Gangschule hab ich einen netten Herrn kennengelernt. Trotz Gehhilfen hat er mir die Tür aufgehalten. Auch sonst ist er galant und vor allem ein interessanter Gesprächspartner. Wir haben zusammen Kaffee getrunken...“

„Worüber kann man sich denn mit ihm unterhalten?“, fragt Philomena.

„Über die Ostseeinsel, von der er kommt. Über Kunst. Wie er erzählt, muss er viele Gemälde in seinem Haus haben. Denk nur, er hat einen echten Kandinsky. Und über Reisen. Er ist viel herum gekommen. Am meisten hat er von Schweden erzählt, wo er ein Ferienhaus besitzt. Kurz vor der Oberschenkel-OP war er mit seiner Frau und den beiden Enkelkindern dort. Von unendlichen Wäldern und Angeln am See, der nicht weit von seinem Grundstück entfernt liegt, hat er geschwärmt.

Von der Jagd hat er geredet. Sowohl in Schweden, wo er Elche jagt, als auch auf der Insel. Na, das mag ich nicht. Tiere töten. Und er ist ein Fan von Henning Mankell. Deshalb hat er Ystad besucht. Zu den Orten des Kriminalkommissars Wallander fahren Touristenbusse. Kennst du Mankells Krimis?“

„Habe mal einen gelesen. Nur aus Neugier, weil er überall auf den Bestsellertischen liegt. Ist aber nicht so meins“, sagt Philomena.

Sieglinde Fischer sitzt ihr im weinroten Hosenanzug gegenüber. Ihr Haar trägt sie kurz, das farblich genau zu diesem Anzug passt, schwarze Strähnchen, ein ovales Gesicht, gepflegte Brauen und volle Lippen. Sie ist Ende fünfzig und froh, dass sie sich nicht mehr lange über Schüler ärgern muss.

„Für morgen Nachmittag haben wir uns wieder verabredet.“

„Nicht, dass er dein Kurschatten wird?“, spöttelt Philomena.

„Aber natürlich. Zwei alte Kricken am Stock… Außerdem ist er verheiratet“, entgegnet Sieglinde und lächelt verschmitzt.

„Ein Grund, aber kein Hindernis“, wirft Philomena ein.

„Für mich schon. Denk nur, er hat mir Fotos von seiner Frau und seiner Tochter gezeigt. Ist schon ganz aus dem Häuschen, dass sie am Wochenende kommen. Eine Yacht hat er, denk nur. Naja, an der Ostsee in Holstein. So ein Boot war immer mein Traum...“, sagt sie und nimmt einen Schluck Tee, als Philomena fragt:

„Weißte schon, wie er heißt?“

Sieglinde hält inne und verschluckt sich beinah. Als sie mit dem Tee fertig ist, sagt sie „Huykauf. Jens Huykauf.“

Philomena tut überrascht und ringt sich ein Lächeln ab...

 

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Risse im Gesicht

Der Weltraum wird erobert. Die Mauer wird gebaut. Magdeburg ist immer noch vom Krieg gezeichnet. Hier wächst Marion Gabriel in den sechziger und siebziger Jahren in einem Haushalt auf, in dem die Männer fehlen. Fasziniert lauscht sie Erzählungen über den Großvater, dessen Schicksal wie ein Schatten über der Familie liegt. Spät erst erfährt Marion, wie der Großvater in der Nachkriegszeit verschwand und warum sie darüber schweigen muss. Dennoch geht sie seinen Spuren nach. So erfährt sie allmählich immer mehr vom Schicksal unzähliger Menschen, die 1945 von den sowjetischen Besatzungstruppen verschleppt wurden – und unter denen nicht wenige Antifaschisten waren. Immer quälender wird der Konflikt zwischen individueller Erfahrung und staatlich verordnetem Vergessen.

 

                                                 

Roman, 211 Seiten, Verlag Edition AV, Lich, 2016

Cover RissePreis: 16,00 €

ISBN: 978-3-86841-157-7    

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Leseprobe

Marion erzählt

ihre Kindheit an Großmutters Hand

Die Chaussee hat ein neues Gesicht, seit ich fortgezogen bin. Aus dem Eckladen über der Freitreppe strömt kein Kuchenduft mehr über die Kreuzung bis zu den Gärten. Als ich Kind war, durfte ich mir sonnabends ein Stück Baumkuchen holen, wie es ihn nur bei Bäcker Mallon gab. Jetzt lese ich über dem Eingang das grelle Schild: Videothek. Unser Vorgarten mit den drei Fliederbäumen ist ebenfalls verschwunden. Jedes Jahr schenkten sie meiner Mutter einen Geburtstagsstrauß. Auch die Blautanne gibt es nicht mehr, die Großmutter in die Mitte des Gartens gepflanzt hat. Der Block im Bauhausstil leuchtet hellgelb. Ich kenne ihn mit grauem Putz und roten Balkons. Die Balkons wurden zu Küchen umgebaut. Von den Bäumen, die den Straßenrand säumten, ist nur der alte Ahorn geblieben.

Auf dem Schirm der Schreibtischlampe sang der Kanarienvogel. Ich lag auf der Chaiselongue mit dem Kopf auf der Schlummerrolle und hörte Großmutter in der Kochnische hantieren. Der Ahornbaum warf seinen Schatten auf meine Decke. Das Geräusch der Autos durchzog meinen Halbschlaf, in dem Großmutters Schritt den Takt angab.

Mein Leben begann mit ihr. Ich wackelte mit meiner Puppe vor der Haustür auf und ab. Großmutters gelbe Augen bewachten jeden meiner unsicheren Schritte.

Zwischen den Pappseiten eines schwarzen Fotoalbums mit goldbeschlagenen Ecken finde ich das erste Foto von ihr. Hundert Jahre alt. Auf dem Bild war sie zwei Jahre, trug ein langes Kleid, hatte kurzes Haar und eine Stupsnase. Auf dem nächsten Foto ist sie neun, in einem dunklen Kleid bis zu den Knöcheln. Schon als Kind hatte sie die hohe Stirn. Auf dem letzten Bild ist sie fünfzehn. Der lange Mantel gibt ihr Eleganz. Als Jugendliche sieht Großmutter milder aus als auf dem Kinderbild, doch nimmt ihr das Lächeln nicht den Ernst.

Ich kannte sie mit weißen Locken, die im Nacken ein Büschel schwarzer Haare deckte, ein Rest, der sich von der Zeit nicht unterkriegen ließ.

Der Nachlass meiner Großmutter besteht aus einem Stück Schneiderkreide, Nähmaschinennadeln und Nähseide. Ich werde die Kreide und die Nadeln nie brauchen, aber ich kann sie nicht wegwerfen. Mit elf Jahren setzte sie sich an die Nähmaschine ihrer Mutter, schuf aus Stoffresten und Phantasie die Kleider ihrer einzigen Puppe. Später lernte sie in einem Caféhaus Serviererin. Bald war sie es leid, jeden Morgen der Frau des Konsistorialrates die Tasse heißer Schokolade zu halten. Großmutter brauchte eine Nähmaschine. Bei Brandis & Schnurbusch nähte sie Anzüge und Mäntel, bis Großvater ihr die Nadel aus der Hand nahm ...

Ich bewahre einen Zettel, auf dem mit rotem Kugelschreiber in ungelenker Schrift steht: „Pitti ist auf dem Balkon!“ Pitti war Großmutters Kanarienvogel. Er umflatterte mich vierzehn Jahre lang. Wenn er auf den verglasten Balkon flog, hing dieser Zettel an der Tür.

Ich wuchs auf mit seinem Gesang und dem Schrei des grünen Wellensittichs. Unser Hansi flog im Zimmer herum, kam zu niemandem und ließ sich nicht anfassen. Eines Tages saß er reglos auf der Stange. Als sie das Tuch abnahm, fiel er in den Sand. Sie stand in ihrer Leinenschürze, auf der sich Grün und Braun verwaschen hatten, im Rahmen zur Kochnische und weinte. Als sie sich fassen konnte, nahm sie die Pappschachtel meines Spielzeugautos und legte Hansi hinein. Dann ging sie mit mir in den Vorgarten und begrub den Vogel unter dem Flieder. Ich fragte: „Oma, pflanzt du den jetzt ein?“

Von da an gab es nur noch Pitti. Oma liebte seinen Gesang und meinte, kein Mensch könne so schön singen wie er. Vielleicht ersetzte der Vogel das Klavier, das sie sich als Kind gewünscht hatte? Bei ihrem Cousin spielte sie Lieder nach Gehör. Als er auf das Konservatorium kam, bat sie ihren Vater um ein Klavier. Der schrie sie an: „Ein Mädchen und Klavier spielen!“ Ihren Traum wandelte sie in Hoffnung um. Die Hoffnung war ich. Sie wurde von meiner Lehrerin genährt, die empfohlen hatte, mich ein Instrument lernen zu lassen. „Du lernst Klavier spielen.“

 

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Das Sandgemälde

Weit spannt Renate Sattler den Regenbogen ihrer Erzählungen, in denen sie Fragen nach dem Umgang der Menschen miteinander, mit der Natur und mit anderen Kulturen ebenso aufwirft wie Fragen nach dem Sinn des Seins in einer globalisierten Welt.

Sie erzählt von der Suche nach der Spur des Großvaters, die sich in den ersten Nachkriegstagen verlor, vom Verlust von Perspektiven und Träumen der heute Vierzig- bis Fünfzigjährigen, von Liebe und zerbrechenden Beziehungen, von einer Jugendkultur in der Wende Geborener und nimmt uns mit zu den Irokesen in Kanada, die sich gegen die Vereinnahmung eines Teils ihres Landes im Jahr 1990 erfolgreich wehrten, zeichnet das Porträt eines Künstlers der Mohawk und lässt uns Straßenkinder in Bolivien erleben, die mit ihrem mobilen Theater verlorengehende Mythen und ein neues Bewusstsein in die Dörfer tragen.

 

Cover SandgemäldeErzählungen, 108 Seiten, Elbe-Havel Verlag, Havelberg, 2010

Preis: 15,00 €

ISBN: 978-3-9814039-0-9    

 

 

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Das Schweigen des Quetzals 

Nach einer Legende des Maya-Volkes der Quiché hatte der Quetzal bis zum Tod des letzten Herrschers der Quiché, Tecún Umán, ein grünes Gefieder. Als Tecún Uman den Kampf gegen die Konquistadoren unter Pedro de Alvarado verlor, sollen sich hunderte Quetzalmännchen in das Blut Tecún Umans und der gefallenen Quiché gestürzt haben. Seitdem hat das Quetzalmännchen eine rote Brust.

Der Quetzal hält die Gedichte dieses Bandes mit seinen Schwingen zusammen, Texte, die sich aus der Schönheit von Landschaften speisen, in denen die Autorin zu Hause ist oder die sie entdeckt, Landschaften aber auch, die verlassen werden. Von den Bäumen pflückt sie Gedichte, von den Feldern liest sie Metaphern auf. Immer wieder verknüpft Renate Sattler ihr genaues Hinsehen im eigenen Land, ihre Erfahrungen und Empfindungen mit den Menschen, denen sie sich verbunden fühlt, sei es den Maya oder dem Flötenspieler der Diné. Ebenfalls thematisiert sie das Altern und die Ablösung vom erwachsen werdenden Kind. Den letzten Zyklus des Bandes widmet sie den vom Aussterben bedrohten Tieren, zu denen auch der Quetzal gehört.

 

Gedichte, 104 S., Elbe-Havel Verlag, Havelberg, 2013    Cover Quetzal

Preis: 13,80 €

ISBN: 978-3-9814039-6-1

 

 

 

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Zwischen entwurzelten Steinen

Steine verbinden die Texte dieses Bandes, mit dem die Autorin die Essenz ihres bisherigen Lebens vorlegt. In jeder Landschaft, die sie erkundet, sammelt sie Steine und legt im Regal Erinnerung aus als Kreis aus blauen Kieseln, Basalt, Muschelkalk und Feuerstein, ein Kreis aus dem Geschichtenkorb der Erde.

Aus Steinen zieht sie eine Spur von ihrer Kindheit an der Elbe bis zur Erfahrung im letzten Jahrzehnt, über Kreidefelsen und böhmische Vulkane bis zu den Marmorsäulen antiker Städte im Land der Zypressen. Im Theater von Korinth beginnen gerissene Säulen zu leben und Mama Elisa lädt ein zu Griechischem Salat. Bei den Mohawk in Kanada begegnet sie dem Bildhauer, der das Totem des Wolfes in den Stein bannt und über den Pazifik folgt sie den Papuas in heilige Berge...

 

Gedichte, 100 S., illustriert von Susanne Berner, Verlag Janos Stekovics, Halle, 2007

Preis: 12,80 €

ISBN: 978-3-89923-168-7

 

Vergriffen! Nur noch wenige Exemplare bei der Autorin erhältlich.